59. Treffen: Wir haben einfach mal angefangen – Neue Kleinbauern im Brandenburger Land

  • Posted on: 15 February 2018
  • By: Thomas

Viel weiter östlich geht es nicht in Deutschland als Trebnitz, wo in einem zum Tagungshaus umgebauten Dorfschlösschen das diesjährige Frühjahrstreffen stattfand. Es ging um das Thema: „Neueinsteiger in der Landwirtschaft“. Uns beschäftigte die Frage, was junge Leute dazu bewegt, aufs Land zu ziehen, sich der Landwirtschaft zu widmen und zu versuchen, sich damit eine Existenz aufzubauen. Dass dies ausgerechnet in Brandenburg passiert, einer Region, die völlig dominiert ist von riesigen Landwirtschaftsbetrieben, die in der Regel hochspezialisiert und im industriellen Maßstab produzieren, schien uns sehr interessant und eines genaueren Hinschauens wert. Susanne war den „neuen“ Bauern in einer Studie ihrer Studenten schon nähergekommen und hatte im Vorfeld einen sehr fruchtbaren Kontakt aufgebaut. Die Einführung als pdf demnächst auf der Webseite. Das gab uns am ersten Tag eine erste Orientierung darüber, wen wir in den nächsten Tagen antreffen würden und welche Aufgaben sich das „Bündnis Junge Landwirtschaft“ gestellt hat. Dorothea stellte uns die Region Oderbruch vor, eine Agrarlandschaft, die mit der Entwässerung des sumpfigen Oderlandes im 17. Jahrhundert entstanden ist, aufgesiedelt wurde und im ansonsten wenig fruchtbaren Brandenburg mit sehr ertragreichen Ackerböden glänzt.

Im Gasthaus Wagner

In zwei Gruppen und mit einer ganzen Autokolonne (Brandenburg ist ein großes und dünn besiedeltes Land) machten wir uns am Freitag morgen auf den Weg zu den ersten Betrieben, zunächst zu Hanna und Johannes Erz, einem jungen Ehepaar aus Schwaben, das seit 2015 einen kleinen Hof im Alt-Tuchebander Ortsteil Rathstock bewirtschaftet. Dort produzieren sie vor allem Kartoffeln und Gemüse, halten Legehennen und zwei Jungkühe, die ihnen im nächsten Jahr Milch für die Ab-Hof-Vermarktung geben sollen. Den CSA-Hof Basta zu finden, war nicht ganz einfach, kleine und kleinste Siedlungen sind einfach irgendwo in einem Baumhain inmitten riesiger Agrarlandschaften versteckt. Die solidarische Landwirtschaft, die Anna und Oli vor 3 Jahren in Letschin gründeten, beliefert im Moment etwa 150 Haushalte in der Umgebung, vor allem aber in Berlin, fast ganzjährig mit Erzeugnissen aus dem Gartenbau. Das Land ist von einem alt-eingesessenen Bauern aus Basta gepachtet. Oli und Anna sind Gründer und Ansprechpartner und  auch diejenigen, die die Verantwortung für den Betrieb tragen. Weitere Menschen leben und arbeiten auf dem Hof in wechselnder Zusammensetzung. Die Mitglieder der Solawi arbeiten in Kampagnen mit, sind aber nicht fest in die Arbeitsprozesse eingebunden. Der Verpächter, schon im Rentenalter, ist ein wichtiger Ratgeber und Begleiter der beiden „Jungbauern“, die beide nach einem geisteswissenschaftlichen Studium und Wander- und Lehrjahren in Landwirtschaften auf der ganzen Welt in das Abenteuer „Hofgründung“ eingestiegen sind. Zum Mittagessen trafen die beiden Gruppen sich wieder im Gasthaus Wagner in Golzow, einer ländlichen Gastwirtschaft (die übrigens auch erst 1994 als Dorfgasthaus gegründet wurde). 

Eindrücke - Rückmeldungen

Nach dem Mittagessen gab es eine Veranstaltung mit dem Ehepaar Erz, Oli vom Basta-Hof, Julia von der Gärtnerei am Bauerngut Heimen und Frucht in Libbenichen, Roberto von Wilde Gärtnerei, sowie Anja und Janusz vom Stolze-Kuh-Hof in Stolzenhagen. Wir wollten uns über unsere am Morgen gewonnenen Eindrücke austauschen und unseren Gastgebern, die uns am Vormittag Einblicke und Zeit geschenkt hatten, mit unseren Erfahrungen und unserem Arbeitswissen, für sie Nützliches zurück geben. Aus den Vorgesprächen mit Netzwerk-Koordinatorenhatten sich für uns die Themenfelder „Vermarktung“ und „Beratung im Netzwerk“ als relevant für die Partner heraus kristallisiert, und wir hatten zu jedem der Themen einen kleinen Beitrag vorbereitet. Susanne stellte ein Modell wichtiger Überlegungen in der Vermarktung vor und Jochen teilte seine Gedanken zu gegenseitiger und kollegialer Beratung in der Landwirtschaft mit den Teilnehmern des Workshops (Jochens Input als pdf-Datei demnächst auf der Agrecol-Website).

Matthias als Moderator kristallisierte im Plenumsgespräch zu den Beiträgen fünf Fragestellungen heraus, die für die Jungbauern in diesen Themenfeldern (und darüber hinaus) wichtig sind und in kleineren, gemischten Arbeitsgruppen diskutierten wir diese.

Die Ergebnisse unserer Arbeitsgruppen in den Plakaten:

Am Abend stellten uns Judith und Alex ihre Arbeit als Praktikanten bei Agrecol Afrique im Senegal  und Agrecol Andes in Bolivien vor. Für uns hochinteressant, zum einen zu erfahren, womit unsere Partner-Organisationen beschäftigt sind, zum anderen mit den PraktikantInnen zu diskutieren, welchen Sinn sie ihrem Praktikum jeweils abgewinnen können.

Kuh

Am Samstag morgen brachen wir nach Stolzenhagen auf. Anja und Janusz vom Hof „Stolze Kuh“ hatten uns noch kurzfristig die Möglichkeit eingeräumt, ihren Betrieb mit Milchvieh und Ammenkuhhaltung kennen zu lernen. Ein großer Teil des Gesprächs mit ihnen drehte sich um den Zwiespalt: „Ideale und die Zwänge des Alltags“ und „Wie schaffen wir den Quantensprung und kommen auf eine einigermaßen solide und finanziell nachhaltige Basis – ohne uns kaputt zu arbeiten?“ Wir waren beeindruckt vom Wissen, Mut und der Energie der beiden, die mit ihren beiden kleinen Kindern einen Betrieb mit einer schönen Milch- und einer Ammenkuhherde aufgebaut haben, die auf zumeist Naturschutzflächen weiden und während der Vegetation auch dort auf der Weide gemolken werden. Daneben noch Käserei (die im Moment ruht), Hofladen, Organisation des Wochenmarktes im Dorf, Vermarktung von Eiern, Milch und anderen Erzeugnissen. Und dann noch eine Menge Netzwerk-Arbeit!

Eine zweite Gruppe war mit Sarah Fuchs auf einer geführten Wanderung mit Eseln im Oderbruch unterwegs. Sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen haben gelernt, dass Esel - wenn sie richtig behandelt werden - keineswegs die störrischen Wesen sind, wie der Volksmund ihnen nachsagt.

Auch zum Mittagessen blieben die Gruppen getrennt, hatten aber beide einen kurzen Einblick in das, was in der Region an Vermarktungsstrukturen für kleinere (ökologisch wirtschaftende) Betriebe entstanden ist. Da war zum einen der Bioladen „Wildblume“ (Naturkost und Bistro) in Angermünde (Gespräch mit dem Inhaber Marcel Schwichtenberg), zum anderen der „Oderbruchware“-Laden in Bad Freienwalde, der erst im letzten Jahr entstanden ist. Die Mitgründerin ist sehr zufrieden und zuversichtlich über die weitere Entwicklung. Sie bezieht alle ihre Waren von regionalen Erzeugern und schafft damit eine Möglichkeit, das, was die kleineren Betriebseinheiten der Neugründer erzeugen, auch lokal an die Verbraucher zu bringen. Diesen lokalen und regionalen Markt hat die konventionelle Groß-Landwirtschaft völlig vernachlässigt.

Wiese

Nachmittags fuhr eine Gruppe zur Blumberger Mühle, die vom NABU etwas außerhalb von Angermünde als Informationszentrum im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin betrieben wird. Ein halb-stündiger Spaziergang zu den Fischteichen gab einen Einblick in die Vielfalt der Landschaft des Naturparks. Dann ging es weiter zu einem jungen Gründer, Magnus Knigge in Görlsdorf, der auf kleinster Fläche (0,5 ha) mit dafür angepassten Mitteln, einem handbetriebenen Einrad-Kultivator, im nunmehr zweiten Jahr Gemüse anbaut. Ein breites Sortiment unterschiedlicher Arten - Tomaten, verschiedene Wurzelgemüse, Kohlarten und Salate - soll ein ganzjähriges Angebot gewährleisten. Der Anbau entspricht den Grundsätzen des Bio-Landbaus, der Betrieb ist aber nicht zertifiziert. Zur Zeit beliefert er Restaurants und Bio-Läden. Er plant, ca. 30 Haushalte mit einer wöchentlichen Gemüse-Kiste zu beliefern. Damit könne eine ausreichende wirtschaftliche Grundlage gewährleistet werden. Nach einem Zwischenstopp am Badesee fuhren sie weiter zum Ökodorf Brodowin.

Eine zweite Gruppe fuhr mit der historischen Kleinbahn von Müncheberg nach Buckow, die dritte ließ sich die am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörte und nicht wieder aufgebaute Stadt „Festung Küstrin“ zeigen und erfuhr vom kundigen Führer dessen wechselvolle Geschichte, die eng mit der Geschichte der Mark Brandenburg und Preußen zusammen hängt. Eindrucksvoll, wie schnell eine vor 70 Jahren noch lebendige Stadt einfach zum Park und Vogelparadies auf Ruinen wird. Über die geschichtlich bedeutsamen Seelower Höhen ging es dann zurück nach Trebnitz.

Am Abend dann: Sortieren und Fazit des „Jungbauern-Wochenendes“

Ein vielfältiger Eindruck und eine leidenschaftliche Diskussion darum, was unsere Rolle sein könnte, wo wir  konkret unsere Gastgeber unterstützen könnten und wie viel Zuversicht und Hoffnung ihr Kampf uns geben kann. Insbesondere die Idee von praktischer Mentorenbegleitung wurde immer wieder diskutiert. Einige von uns werden im Kontakt bleiben und möglicherweise können wir das, was da mit so viel Mut und Idealismus als ein Gegenentwurf zur Industrialisierung und Monotonisierung der Landwirtschaft entsteht, ein bisschen unterstützen. 

Am Sonntag morgen dann noch ein Eindruck von Noemis Arbeit in Bolivien. Sie hat dort in den letzten 18 Jahren einen Betrieb mit Versuchsparzellen für die Agroforstwirtschaft aufgebaut und berichtete uns eindrucksvoll von Baum-, Strauch- und Wurzelgesellschaften, von Erfolgen für den Wiederaufbau erodierter Böden, und von vorsichtigen Versuchen der Übernahme von Agroforst-Prinzipien durch andine Kleinbauern.

Mit der Mitgliederversammlung, die – angesichts der Fülle, die in dieses Treffen passen musste – leider etwas zu kurz geriet, beschlossen wir das Wochenende, nicht ohne uns herzlich beim Organisationsteam Susanne, Christine, Dorothea und Marlis zu bedanken. Sie haben uns Menschen und ihre Arbeit für die Vorstellung vom Guten Leben nahe gebracht, die uns berührt haben. Herzlichen Dank dafür! 

Seid gegrüßt von

Jochen

Unten sind die Präsentationen des Treffens herunterladbar.